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Welthandel: Die Renaissance der Seidenstrasse

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04.05.2017 - Märkte:

Seit dem US-Wahlkampf ist der Diskurs zu „Protektionismus versus Freihandel“ voll entbrannt. Etablierte wirtschaftliche Modelle werden hinterfragt. Renommierte Ökonomen wie der Harvard Professor Dani Rodrik sehen in einer zu starken wirtschaftlichen Öffnung gar eine Bedrohung der Demokratie. Trotzdem, der globale, grenzüberschreitende Warenhandel nimmt weiter zu, und alte Handelsrouten blühen sogar wieder auf.

Seit Jahrhunderten verbindet die Seidenstrasse China mit dem europäischen Kontinent. Bereits in der Bronzezeit wurden Waren und Wissen über diesen Verkehrsweg ausgetauscht. Mit der zunehmenden chinesischen Expansion nach Westen vor über 2000 Jahren und der steigenden Nachfrage nach Gold, Porzellan, Seide aber auch Gewürzen und Medikamenten nahm die Bedeutung der Handelsroute weiter zu. Doch im 14. Jahrhundert setzte die Wende ein, da die Zwischenhändler, die den Handel entlang der Seidenstrasse organisierten, immer höhere Abgaben verlangten. Sie leiteten ihren eigenen Untergang ein, der mit der Entdeckung des Seewegs durch Vasca da Gama im Jahre 1498 besiegelt wurde.

Grenzenloser Handel

Seitdem erleichterten neue Transportmittel und direktere Transportwege den globalen Handel erheblich. Von den weltweit produzierten Waren ist ein immer grösserer Teil für den Export bestimmt – ein klares Indiz für die fortschreitende Globalisierung. Der Anteil des Warenexports am Welt-Bruttoinlandsprodukt ist in den letzten 50 Jahren stark angestiegen und liegt mittlerweile bei über einem Viertel. Der Trend ist eindeutig: Die Welt wird zunehmend vernetzter, der leichte Anstieg an protektionistischen Massnahmen seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise im Jahre 2007 wird lediglich als zyklisches Phänomen angesehen.

Weltweite Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen (% of BIP)

Tot geglaubte leben länger

Beflügelt vom starken globalen Warenaustausch erwachen traditionelle Handelsstrassen wie die Seidenstrasse zu neuem Glanz. Im Januar dieses Jahres erreichte der erste direkte Güterzug von China seinen Bestimmungsort in Barking, Ost-London. Der 34 Waggons lange Zug durchquert auf seinem Weg in 18 Tagen sieben Länder – und das halb sah teuer wie per Flugzeug und zwei Wochen schneller als über den Seeweg. London ist mittlerweile schon die 15. europäische Stadt, die China Railway über die traditionelle Handelsroute anfährt. Das Reich der Mitte will seine Handelsbeziehungen mit Europa weiter ausbauen. „Ostwind“, der Name des Zugs, zeigt die Ambitionen: Er stammt aus einem bekannten Zitat des Revolutionsführers Mao Zedong, der einst sagte: „Der Ostwind wird über den Westwind herrschen.“ Der Ausbau dieser alten Handelsroute ist kein Einzelfall. Die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels erhöht die Handelskapazität über die Alpentransversale, und der im letzten Jahr eröffnete Panamakanal kann nun Schiffe mit dreifacher Kapazität aufnehmen.

Baut Windmühlen oder: Wie Protektionismus von der Realität eingeholt wird

In einem solchen Umfeld ist Protektionismus keine Option. Er widerspricht den bewährten makroökomischen Theorien, aber vor allem der wirtschaftlichen Realität. Trotz gegenläufiger Anzeichen wie dem Austritt der USA aus dem Transpazifischen Handelsabkommen wird sich der Austausch von Gütern, Dienstleistungen sowie Kulturen auch in Zukunft verstärken. Legt man diesem Prozess Steine in den Weg, wie einst die Händler an der Seidenstrasse, finden sich neue Wege, und man selbst endet in der Sackgasse.

Einer wäre am 11. Januar bei der ersten Einfahrt des Ostwindes im Bahnhof Barking sehr gerne dabei gewesen. Eduard Schewardnadse, der ehemalige sowjetische Aussenminister und spätere Präsident Georgiens prophezeite einst, „die neue Seidenstrasse wird im 21. Jahrhundert Realität werden und einen grossen Beitrag für die Weltwirtschaft und die Kulturen des dritten Jahrtausends leisten.“ Ich hoffe, er wird Recht behalten. Natürlich machen Freihandel und Globalisierung nicht automatisch jeden einzelnen reicher, aber sie erhöhen den allgemeinen Wohlstand und tragen zum kulturellen Austausch bei. Trotz des kämpferischen Namens des Zuges sollte sich Europa keinesfalls fürchten und sich anstatt auf Maos Worte auf ein altes chinesisches Sprichwort besinnen: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.“ Europa muss sich auch zukünftig für letzteres entscheiden.

Bild: By Omer Farooq (Own work) CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

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1 Kommentar

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