Westeuropa und Griechenland: Schon lange getrennt und doch immer noch zusammen

Westeuropa und Griechenland: Schon lange getrennt und doch immer noch zusammen 

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Seit jeher gibt es im Westen Europas diese Wahrnehmung von dieser längst vergangenen Grösse im Osten. Von einem Land, das von etwas vorlauten entfernten Verwandten bewohnt wird, von dem man sich eigentlich längst getrennt hat. Der Trennungsprozess dauerte lange und war traumatisch – er begann irgendwann zwischen Justinians blutigen Feldzügen zur Rückeroberung Italiens von den Goten im 6. Jahrhundert und wahrscheinlich 1204, als fränkische Kreuzritter und venezianische Seeleute Konstantinopel eroberten und plünderten.

Und dennoch sind die Schicksale auch seither eng verflochten geblieben, als sei letztlich nichts gewesen. Doch nicht nur das: Einiges, was in Griechenland begann und aus westlicher Sicht zunächst als irritierend, nebensächlich oder gar anmassend empfunden wurde, erwies sich am Ende als Vorbote noch grösserer gesamteuropäischer Umwälzungen.

Ohne die Massenmigration griechischer Schriften, Händler und Gelehrter nach Westeuropa nach dem endgültigen Fall von Byzanz im 15. Jahrhundert hätten in den nachfolgenden Jahrhunderten Renaissance, Aufklärung und industrielle Revolution vielleicht nicht oder anderswo stattgefunden. Der griechische Aufstand von 1821 markierte die erste nationalstaatliche Bewegung Europas und nahm damit die französischen und deutschen Revolutionen von 1848 vorweg. Diese Entwicklungen veränderten die sozialen und politischen Verhältnisse auf dem «alten Kontinent» und brachten im Laufe der nachfolgenden 100 Jahre neben vielen technischen und wissenschaftlichen Innovationen auch zunehmend brutale und grausame Kriege mit sich. Genau aufgrund dieser tragischen Erfahrung wurde schliesslich auch die europäische Integration und später der Euro ins Leben gerufen und vorangetrieben.

Aus der Antike kann Griechenland beim besten Willen einfach nicht «wegretuschiert» werden. Doch spätestens seit dem Mittelalter wird es in der westeuropäischen Geschichtsschreibung immer wieder scheinbar gern «übersehen» oder zumindest zum Nebenschauplatz reduziert – und es ist trotzdem in den vielen wiederkehrenden Kreisläufen der Geschichte bis in die heutige Zeit hinein immer wieder zuerst dagewesen.

So fing auch die «Eurokrise» in Griechenland an. Und die im Vorfeld der am 25. Januar anstehenden vorgezogenen griechischen Wahlen wiederaufgewärmte Diskussion um einen Euro-Austritt wirkt wie einer der ungezählten «Stresstests» einer schon sehr lange angespannten und doch überraschend stabilen Beziehung.

Mag sein, dass Griechenland tatsächlich einen «Sonderfall» im Euroraum darstellt und zudem inzwischen gottlob «systemisch irrelevant» ist, wie der CDU-Politiker Michael Fuchs kürzlich gegenüber Bloomberg aussagte. Letzteres stimmt sogar ziemlich sicher, wenn wir nur an das Finanzsystem denken – denn Europa verfügt heute tatsächlich über die Mechanismen, um das Land nötigenfalls rasch zu «isolieren» und das Übergreifen eines Finanz-Flächenbrands auf andere Länder zu verhindern. Der Gedanke, dass Griechenland aber keinen Einfluss auf das hat, was auf Dauer im restlichen Europa passieren könnte, muss aus historischer Sicht bezweifelt werden.

So mancher offiziell wirkende Kommentar über quasi-problemlos machbare Euro-Austritte und intakte Aus- und Abgrenzungssysteme sieht zudem wie ein nicht ganz durchdachter Versuch aus, mittels wirtschaftlicher Drohungen unerwünschte Wahlergebnisse in anderen Ländern zu verhindern. Was aber wären aus gesamteuropäischer Sicht die mittelfristigen Folgen eines stark nach disziplinierender Massnahme aussehenden Vorgehens gegen eine zukünftige Athener Regierung?

Viele Wähler sind schliesslich auch in Spanien oder Italien reformmüde, während selbst der Internationale Währungsfonds an einer zu starken Fokussierung auf budgetäre Sparmassnahmen zweifelt. Wie stark unterscheiden sich denn die wahlkampfbereinigten Forderungen der aussichtsreichen griechischen Parteien wirklich von den Hauptkritikpunkten renommierter Ökonomen? Wie dem auch sei: Wenn die Schlüsselpersonen der europäischen Politik fähig sind, weiter als nur bis zum jeweils nächsten Urnengang irgendwo in Europa zu blicken, dann wird der Euro auch in Zukunft kein einziges Mitglied verlieren.

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