Wie abhängig sind die Aktienmärkte vom Ölpreis?

Wie abhängig sind die Aktienmärkte vom Ölpreis? 

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Wer als Anleger auf den Aktienmärkten aktiv ist, hat naturgemäss ein Interesse daran, sich eine realitätsnahe Vorstellung von zukünftigen Richtung zu machen, in die sich die Märkte bewegen werden – oder zumindest bewegen könnten. In Zeiten unablässig rieselnden Helikoptergeldes versagen jedoch viele klassische Indikatoren. Bietet die neue Korrelation mit dem Ölpreis Alternativen?

Die Mehrdeutigkeit der Indikatoren

Denn wie sollen Anleger beispielsweise die Bewertung eines Unternehmens am Aktienmarkt in den historischen Kontext einordnen, wenn sich die verfügbare Liquidität in den vergangenen Jahren vervielfacht hat? Ist die unter Umständen stark gestiegene Marktkapitalisierung am Ende schlicht der Ausdruck einer galoppierenden Vermögenspreisinflation? Dem Anleger bleibt der Vergleich eines Titels mit dem breiten Markt und seinen Wettbewerbern, doch auch die Aussagekraft im historischen Kontext bleibt aufgrund der Geldschwemme eingeschränkt.

Selbst makroökonomische Daten, grundsätzlich der wichtigste Faktor für die Aktienperformance, sind in der Richtung, in der sie interpretiert werden, nicht mehr eindeutig positiv oder negativ. So führten zum Beispiel in den vergangenen Monaten an sich positive Indikatoren hinsichtlich des Zustands der amerikanischen Wirtschaft des Öfteren zu negativen Reaktionen auf den Aktienmärkten, da aus Anlegersicht die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung in den USA gestiegen war. Umgekehrt liessen an sich negative Daten die Aktienmärkte steigen, in der Hoffnung, dass die Fed sich mit ihren Zinsschritten zurückhalten werde.

Die neue Korrelation zwischen Aktienmärkten und Ölpreis

Bereits seit mehr als einem Jahr lässt sich ein erstaunlicher Gleichlauf zwischen dem Ölpreis und den Aktienmärkten beobachten. Steigt der Ölpreis, wirkt sich dies positiv auf die Aktienmärkte aus. Fällt der Preis für Öl dagegen, reagieren auch die Aktienmärkte mit Abschlägen. Die hohe Korrelation zwischen den beiden Märkten lässt sich sowohl für globale Aktien, ausgedrückt im MSCI All Country World, feststellen als auch für einzelne Aktienmärkte wie beispielsweise die USA (S&P 500) oder Europa (Stoxx600).

Gemäss dem Fondsmanager GavekalCapital hat die Korrelation zwischen dem MSCI World und Brent Rohöl im November vergangenen Jahres das höchste Niveau seit 1980 erreicht. Seitdem ist die Korrelation nur leicht gesunken. Zwar ist der Gleichlauf von Öl und Aktien von Sektor zu Sektor unterschiedlich ausgeprägt (für Sektoren wie Basiskonsum und Gesundheitswesen ist der Zusammenhang sogar negativ), jedoch schaut auch der Gesamtmarkt derzeit verstärkt auf den Ölpreis.

Dies lässt sich nachvollziehen: Bleibt der Ölpreis länger auf dem aktuellen, niedrigen Niveau, hat dies direkte Auswirkungen auf die Bilanzen der Ölförderer und -verarbeiter. In einem zweiten Schritt sind die Ausrüster, Maschinenbauer usw. betroffen. Wenn dann eine Reihe kleinerer Akteure, wie zum Beispiel amerikanische Schieferölförderer, in existentielle Schwierigkeiten geraten, hat dies Auswirkungen auf den Finanzsektor, der als Kreditgeber unter Umständen Kredite abschreiben muss. Auf diese Weise wird nach und nach ein grösserer Teil des Aktienmarkts in Mitleidenschaft gezogen.

Wenn darüber hinaus die Staatsfonds der Förderländer damit beginnen, Aktien zu verkaufen, um die weniger üppig sprudelnden Öleinnahmen im Staatshaushalt auszugleichen, erhöht dies zusätzlich den Druck auf die Aktienmärkte. So verkauften Staatsfonds gemäss des Sovereign Wealth Fund Institute im Jahr 2015 Aktien im Wert von 213 Milliarden Dollar. Sollte sich der Ölpreis zwischen 30 und 40 Dollar einpendeln, sind für dieses Jahr weitere Verkäufe im Volumen von über 400 Milliarden Dollar zu erwarten.

Öl wird wie praktisch alle Rohstoffe in US-Dollar gehandelt. Entsprechend hat der Wechselkurs des Dollars einen grossen Einfluss auf die – in Dollar – ausgedrückten Rohstoffpreise. Sinkt also der handelsgewichtete US-Dollar-Index, unterstützt dies den Ölpreis. Steigt der Aussenwert des Dollars, übt dies Druck auf den Ölpreis aus. So ist es kein Zufall, dass der Ölpreis von Juni 2014 bis März 2015, einer Phase, in der der Dollar stark zulegte, um über 40 Dollar je Barrel absackte. Erst im Januar dieses Jahres, nachdem er um weitere knapp 30 Dollar nachgegeben hatte, in ging er in eine verhaltene Erholungsbewegung über. Gleichzeitig befindet sich der Dollar seit einigen Monaten in einer Schwächephase.

Volatilität ist die neue Normalität

Ist also die folgende Kausalkette korrekt? Die Fed stellt Zinserhöhungen in der näheren Zukunft in Aussicht und verursacht damit eine Dollaraufwertung. Ein steigender Dollar lässt den Ölpreis fallen, was wiederum negativ auf die Aktienmärkte durchschlägt. Hält sich dagegen die Fed mit Zinsschritten zurück, ist dies gut für die Aktienmärkte.

Aus unserer Sicht ist hier Vorsicht geboten, denn:

  • Die globalen Anleger sehen die Entwicklung des Ölpreises derzeit auch als Indikator für den Zustand der globalen Konjunktur. Sobald sich abzeichnet, dass sich Wachstum auch trotz (oder vielleicht sogar aufgrund) fallender Ölpreise realisieren lässt, dürfte die Korrelation zwischen Aktien und Öl wieder abnehmen.
  • Bleibt der Ölpreis länger auf dem aktuellen Niveau, werden sich die Anleger daran gewöhnen und wieder verstärkt auf andere Faktoren schauen.
  • Der Ölpreis hängt neben dem Dollarwechselkurs auch von einer Reihe politischer Faktoren ab. Diese finden nicht notwendigerweise Niederschlag in den Aktienkursen.
  • Moderat steigende Zinsen in den USA sind grundsätzlich ein Zeichen konjunkturellen Wachstums. Obwohl dies mit einer Dollaraufwertung verbunden sein kann, sollte sich über kurz oder lang die Einsicht durchsetzen, dass Unternehmen und Aktien davon profitieren.

Hinzu kommt, dass der Einfluss des Dollarwechselkurses zwar kurzfristig einen Einfluss auf die Aktienmarktperformance haben kann, und sei es nur über den Umweg des Ölpreises. Auf lange Sicht jedoch enthüllt die Statistik, dass eine Auf- oder Abwertung des Dollars als Erklärung für Bewegungen am US-Aktienmarkt völlig ungeeignet ist.

Die Analysten von Bank of America Merrill Lynch begründen dies damit, dass sich die Beziehung von Aktien und Dollar im Laufe der Zeit ändert. So sind amerikanische Unternehmen heute deutlich internationaler tätig als noch vor zwanzig Jahren. Darüber hinaus kann es ganz unterschiedliche Gründe für Bewegungen im Dollar geben: In einigen Phasen war eine Dollarstärke beispielsweise darin begründet, dass die Anleger in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit einen sicheren Hafen suchten. In anderen Fällen war die Dollarstärke das Resultat eines dynamischen Wirtschaftswachstums.

Wer also auf den Ölpreis und den Dollar als Indikator für die weitere Entwicklung des Aktienmarkts setzen will, sollte sich einen kurzen Anlagehorizont setzen und nicht den Moment verpassen, an dem Anleger andere Indikatoren als aussagekräftiger einschätzen.

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Bildlegende: Bohrplattform „Iran Khazar“ by www.dragonoil.com. CC-BY-SA-3.0, via Wikimedia Commons

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 20. Mai 2016 | Die Börsenblogger

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