Wie Spatzen zum Steuersparmodell wurden

Wie Spatzen zum Steuersparmodell wurden 

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Der Fiskus hat sich schon immer als kreativ erwiesen. Schlamm, Bärte, Perücken und Spatzen – all das wurde in der Vergangenheit besteuert. Das war offenbar skurril, aber einträglich.

Würden europaweit die gleichen Steuergesetze gelten wie 1899 in Bremen und Hessen, dann dürften sich die Kämmerer der Städte Kopenhagen, Hamburg, Utrecht und Amsterdam zufrieden die Hände reiben. Denn dort gibt es wahrscheinlich die meisten Fahrräder. Wer mit dem Drahtesel unterwegs ist, fährt nicht nur besonders umweltschonend, sondern auch ziemlich günstig. Das allerdings war nicht immer so: Wer Ende des 19. Jahrhunderts in Bremen und Hessen ein Fahrrad sein Eigen nannte, musste eine Fahrradkarte besitzen und hierfür in Hessen fünf Mark Stempelsteuer entrichten.

Schon immer erwies sich der Fiskus als äusserst einfallsreich, wenn es galt, den Untertanen (heute nennt man sie „Steuerpflichtige“) das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die Fahrradsteuer ist dabei nicht einmal die skurrilste Idee. Die Pharaonen im Alten Ägypten zum Beispiel berechneten den Bauern eine Schlammsteuer. Immer, wenn der Nil über die Ufer getreten war, hinterliess das Hochwasser eine dicke Schlammschicht. Schlamm aber ist fruchtbar, sagten sich die Pharaonen. Und mit dickem Schlamm machten die Bauern dicke Geschäfte. Also wurden sie ordentlich zur Kasse gebeten. Je höher die Schlammschicht, desto höher die Steuer.

Verrückt: Perücken waren steuerpflichtig

Manche scheinbar verrückte Steuer erwies sich bei näherem Hinsehen auch als verkappte Vermögensabgabe. Friedrich I von Preussen etwa führte eine Perückensteuer ein. Die künstliche Haartracht für Frauen und Männer war nicht gerade billig und galt als Statussymbol. Wer sie sich leisten konnte, musste gut betucht sein und wurde vom Fiskus daher mit drei Talern Steuer pro Perücke zur Kasse gebeten.

Schon früh wurden mit Steuern auch volkspädagogische Ziele verknüpft. Der russische Zar Peter der Grosse (1672-1725) zum Beispiel wollte das Bild in den Städten seines Riesenreiches dem in den Metropolen Westeuropas angleichen. Ihm fiel auf, dass im Westen des Kontinents die meisten Männer glatt rasiert über die Boulevards flanierten, während zuhause in Russland seine Geschlechtsgenossen fast ausschliesslich Bärte trugen. Fortan mussten russische Bauern, die eine Stadt betreten wollten, eine Bartsteuer entrichten. Als „Quittung“ erhielten sie eine Art Hundemarke. Bartträgern, die diese Medaille nicht vorweisen konnten, wurde die Haartracht von Amts wegen entfernt. Bemerkenswert: Der Zar hatte selbst einen Oberlippenbart, was ein Porträt Peters des Grossen von Jean Marc Nattier beweist.

Der Spatz in der Hand – spart Steuern

In Baden-Württemberg schliesslich gab es im 18. Jahrhundert eine Spatzensteuer, die allerdings eher eine Strafe darstellte. Jeder Bürger musste pro Jahr mindestens zwölf lebende Spatzen – die als Schädlinge galten – beim Bürgermeisteramt abliefern. Ansonsten hatte er zwölf Kreuzer zu berappen. Erledigte hingegen die Hauskatze diese staatsbürgerliche Pflicht, wurde dies vom Fiskus nicht anerkannt. Die Spatzen mussten nämlich noch leben, um eine steuerbefreiende Wirkung zu haben.

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