Wieviel Übertreibung steckt in den Minimum-Varianz-Strategien?

Wieviel Übertreibung steckt in den Minimum-Varianz-Strategien? 

Artikel bewerten

Die Aktienmärkte befinden sich seit Jahren im Bullenmodus. Das unterstreicht nicht zuletzt das neue Allzeithoch des US-Aktienindex Dow Jones. Knapp eine Woche nach dem Amtsantritt von Donald Trump knackte der Dow Jones die 20 000er Marke. Obschon eine Trendwende (noch) nicht erwartet wird, stehen Anlagestrategien in Aktien mit möglichst geringem Risiko bei Investoren hoch im Kurs. Eine davon ist die Minimum-Varianz-Strategie. Bei dieser Strategie werden ausgewählte Aktien so miteinander kombiniert, dass die entstehende Wertpapiermischung das geringstmögliche Risiko aufweist; unter der Prämisse, von steigenden Aktienkursen zu profitieren. Kein Wunder also, dass immer mehr Anleger dem Börsenzeitgeist folgen und auf Minimum-Varianz-Strategien setzen. Doch wenn viele Anleger ähnliche Strategien anwenden, steigt das Risiko einer Übertreibung – die ursprüngliche Intension der Investoren wäre damit ad absurdum geführt. Sind Minimum-Varianz-Strategien bereits überhitzt?

Zuviel des Guten?

Insbesondere passive Minimum-Varianz-ETFs haben sich in den vergangenen Jahren grosser Beliebtheit erfreut und verzeichneten entsprechend hohe Geldzuflüsse. Allein in den letzten zwölf Monaten vor Juli 2016 wurden über 7.8 Milliarden US-Dollar in US-Aktien-Minimum-Varianz-ETFs investiert. In der zweiten Hälfte des letzten Jahres wurde eine gegenläufige Tendenz beobachtet. Nichtsdestotrotz hat die Beliebtheit dieser Strategien Befürchtungen geweckt, dass Minimum-Varianz-Strategien von Investoren überkauft worden sind.

Hebelt dieser Herdentrieb der Investoren die Risikoerwartung für eine Strategie aus, dann spricht man von sogenanntem „Crowding“. Dass dies in Bezug auf diese Strategie schon der Fall sein könnte, zeigt die Global-Manager-Umfrage von Januar 2017 der Bank of America Merrill Lynch. In dieser wird die Allokation in Qualitäts- und Minimum-Varianz-Strategien als zwei der „most crowded trades“ bezeichnet. Solch eine Situation könnte sich insbesondere dann negativ auswirken, wenn ein Grossteil der Investoren zur gleichen Zeit diese Anlagen wieder veräussern will.

Um diese Gefahr einschätzen zu können, sollte man sich vor Augen führen, dass trotz der signifikanten Zuflüsse in USMinimum-Varianz-ETFs, diese immer noch einen extrem kleinen Anteil am US-Aktien-Markt – nämlich lediglich 0.103% der Marktkapitalisierung unterliegender Wertschriften – ausmachen. Overcrowding-Befürchtungen scheinen daher wenig plausibel.

Übertreibung durch Bewertung?

Neben der relativen Marktkapitalisierung spielen die Bewertungen zur Beurteilung eines „crowded Trade“ eine zentrale Rolle. Höhere Bewertungen erodieren die Risikoprämien, die ein Investor zukünftig erwarten kann. Zudem erhöht das „Crowding“ das Risiko von grösseren Verlusten. Die Ökonomen Ang, Madhavan und Sobczyk haben entsprechend untersucht, ob die erzielten höheren Renditen aufgrund einer Bewertungsausweitung erzielt worden oder auf einen Gewinnanstieg zurückzuführen sind. Sie kommen in ihren Untersuchungen zum Schluss, dass der Preisanstieg der letzten Jahre nicht nur auf die Bewertung zurückzuführen ist. Zwar sind 2015 die Bewertungen für US-Minimum-Varianz-Strategien deutlich stärker gestiegen, wohingegen das Gewinnwachstum im Vergleich zum breiten Aktienmarkt geringer ausfiel, 2016 deutete sich jedoch ein gegensätzlicher Trend an: geringere Bewertungsausweitung und stärkeres Gewinnwachstum. Bewertungen von Minimum-Varianz-Strategien folgen grundsätzlich dem Trend des breiten Aktienmarkts. Zwar sind ihre Bewertungen in den letzten Jahren relativ gesehen etwas höher ausgefallen als beim breiten Aktienmarkt, verglichen mit historischen Werten befinden sich diese aber aktuell nicht auf exzessiven Niveaus.

Die Praxis hat gezeigt, dass sich mit einem Minimum-Varianz-Portfolio im Vergleich zum zugrundliegenden kapitalgewichteten Aktienindex eine vergleichbar positive Rendite erzielen lässt. Entsprechend ergibt sich für den Investor ein gewinnbringendes Argument betreffend Minimum-Varianz-Strategien: das tiefere relative Risiko bei gleicher oder bestenfalls leicht höherer Rendite.

Übertriebene Übertreibungsangst?

Berücksichtigen wir alle erwähnten Argumente, so gibt es wenig Anhaltspunkte für eine Übertreibung der Minimum-Varianz-Strategien. Einige Marktteilnehmer argumentieren gar gegenteilig, denn ein „Crowding“ führt zu erhöhter Volatilität der Aktie. Folglich werden diese Aktien gar nicht mehr von Minimum-Varianz-Strategien selektiert. Zudem haben Investoren die Wahl zwischen aktiv verwalteten Fonds und passiven ETFs. Aktiv verwaltete Minimum-Varianz-Strategien haben insbesondere den Vorteil, flexibler auf Marktveränderungen reagieren zu können und überwertete Einzeltitel zu umgehen. Bei passiven Ansätzen sollten sich Anleger ihr eigenes Bild machen, indem sie fundamentale Daten sowie Intra-Portfolio-Korrelationen in Bezug auf die Minimum-Varianz-Thematik laufend beobachten.

Bild: © Olivier Le Moal/fotolia

Es gibt 1 Kommentar zu diesem Artikel
  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 16. Februar 2017 | Die Börsenblogger

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.