Wirtschaftsepistemologie: Der gefangene Investor 

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Das Wichtigste an der Tätigkeit eines Marktinvestors ist, Anlageentscheidungen zu treffen. Nun nehmen wir an, dass ein Investor über seine Tätigkeit nachdenkt und sich die folgenden zwei Fragen stellt:

1) Wie habe ich meine Entscheidungen in der Vergangenheit getroffen?
2) Wie lassen sich erfolgreiche Entscheidungen treffen?

Statt eine Antwort zu geben, möchte ich auf einige epistemische, also erkenntnistheoretische Hindernisse hinweisen, die ein Investor bewältigen muss, wenn er diese Fragen beantworten möchte.

Zu Erstens: Man könnte meinen, dass es einfach ist, sein eigener Historiker zu sein und die eigenen Entscheidungen zu analysieren und nachzuvollziehen, welcher gedankliche Pfad ihr zugrunde lag. Aber der Zugang zu den eigenen Gedankenketten ist weder so direkt noch so unverschleiert wie es scheinen mag. Man hat beispielsweise untersucht, wie Wissenschaftler den Pfad rekonstruieren, der zu ihren eigenen Entdeckungen geführt hat. Die Ergebnisse dieser Forschungen waren verblüffend: Die Beschreibung der Entstehungsgeschichte ihrer eigenen Entdeckungen im Nachhinein zeigte erhebliche Abweichungen gegenüber der Dokumentation in Laborbüchern, Notizbüchern, etc. Der Investor unterliegt möglicherweise denselben kognitiven Verzerrungen wie der Wissenschaftler. Wenn es aber fast unmöglich ist, eine genaue Rekonstruktion des eigenen Handelns zu erreichen, wird es für einen Investor schwierig, eine korrekte Analyse seiner Entscheidungen durchzuführen und auf dieser Grundlage seine Entscheidungsprozesse zu verbessern.

Zu Zweitens: Der Investor liegt dann mit seiner Entscheidung– zumindest kurzfristig – richtig, wenn auch die anderen Marktteilnehmer dieselbe Entscheidung treffen. Wir hatten diesen Sachverhalt in einem vorigen Blogbeitrag anhand des Beispiels eines Long/Short Equity-Managers illustriert. Während die eigene Analyse, Erfahrung, Netzwerk etc. für den Erfolg einer Anlageentscheidung weder hinreichend noch notwendig sind, wäre die korrekte Prognose des Entscheidungsverhaltens der anderen Marktteilnehmer eine hinreichende Bedingung dafür. Es ist allerdings offensichtlich, wo der Investor hier an seine Grenzen stösst, denn es ist wohl kaum möglich, die Entscheidungen der anderen Marktteilnehmer präzise vorherzusagen.

Der Investor befindet sich also in einem sogenannten epistemischen Gefängnis: sowohl hinsichtlich seiner historischen Analyse als auch seiner Zukunftsprognose ist er eingeschränkt. Wie kann er diesem Gefängnis entkommen? Ein Fluchtweg könnte so aussehen:

1) Es würde dem Investor helfen, sich über die Vielfalt der kognitiven Fallen bewusst zu werden. Er könnte ausserdem eine deutlich gesteigerte Fähigkeit zur Selbstbeobachtung entwickeln, um eine wahrheitsgetreuere Analyse eigener historischer Entscheidungen durchzuführen.

2) Das Verhalten der Märkte lässt sich kaum mit der Genauigkeit und Zuverlässigkeit einer Wetterprognose vorhersagen (und auch hier gibt es erhebliche Schwankungen in der Qualität). Langjährige Erfahrung wäre die solide Basis, um eine korrekte Intuition in Hinblick auf die Marktentwicklung zu entwickeln. Dabei wäre es schon hinreichend, wenn man einfach die Richtung – nicht die genaue Grössenordnung – einer Marktbewegung einschätzen könnte.

Der Investor, dem die Flucht aus dem erkenntnistheoretischen Gefängnis gelingt, würde mit dem ersehnten Investmenterfolg belohnt.

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