Wirtschaftsstatistik: Durchaus seltsam oder wie ich lernte, Zahlen zu deuten 

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Zahlen, das wissen wir genau, liefern uns ein objektives Bild unserer Umwelt. Auf der Basis von Zahlen lassen sich Entscheidungen wertneutral begründen und, falls nötig, Einwände als nicht zu belegen entkräften. Entsprechend normal erscheint es uns, wenn Defizitquoten, Neuverschuldungsziele, Profitabilitätskennzahlen usw. darüber entscheiden, ob Millionen von Menschen bereits ausreichend sparsam leben oder ob ein Unternehmen nicht doch noch die eine oder andere Hundertschaft Mitarbeiter freistellen sollte.

Aber sind Zahlen tatsächlich die objektive Messgrösse, für die wir sie halten und als die sie so gern verkauft werden? Welcher Art sind die Daten, die als Grundlage von Entscheidungen dienen? Wer hat sie zusammengestellt? Wer wertet sie aus? Wer besitzt die Meinungshoheit ihrer Interpretation?

Chinesische Zahlenspiele

Beispiele, die unsere unreflektierten Zahlenhörigkeit in Frage stellen, gibt es zuhauf. So ist in China das addierte Bruttoinlandsprodukt (BIP) der einzelnen Provinzen regelmässig höher als das des Gesamtlandes. Oder: Die chinesischen Exportzahlen für März enthüllen, dass die Exporte nach Taiwan um 44.9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen sind. Praktisch zeitgleich meldete Taiwan, dass die Einfuhren aus China im exakt gleichen Zeitraum um 1.9 Prozent gefallen seien. Ein ähnliches Bild zeigt sich für Hongkong: Gemäss der chinesischen Zahlen stiegen die Ausfuhren nach Hongkong im März um sagenhafte 92.9 Prozent. Das Hong Kong Government Information Center dagegen wusste nur von einem Plus von 13.8 Prozent zu berichten, um die die Importe aus China im März gestiegen waren. Auf diese Unterschiede angesprochen, sagte Zheng Yeusheng, ein Sprecher der chinesischen Zollverwaltung, sie seien auf Unterschiede in der Methode der Datenerhebung in China und Hongkong zurückzuführen.

Die offensichtlichen Mängel in der Qualität der chinesischen Konjunkturindikatoren hindern Anleger rund um den Globus nicht daran, von ihnen ihre Anlageentscheidungen abhängig zu machen. Sind die Zahlen besser als erwartet, fühlen sie sich ermutigt Aktien zu kaufen. Sind sie schlechter, werden negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft insgesamt und entsprechend auf die Aussichten für Aktien befürchtet.

Nun wissen wir als Mitteleuropäer, dass in China die Partei alles im Griff hat.
In Europa und den USA dagegen verfügen wir über kritische, ausgebildete und in sich interessenfreien Medien, die etwaige Versuche einer Einflussnahme gnadenlos aufdecken. Oder ist der Ablauf schlicht subtiler?

Politisch motivierte Manipulation in den USA?

Am 1. Juli dieses Jahres wird sich die Zusammensetzung des BIPs der USA ändern. Neu werden ab diesem Datum Komponenten wie Lizenzgebühren für Filme oder Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Berechnung des BIPs berücksichtigt. Durch diese Überarbeitung wird das US-BIP in absoluten Zahlen auf einen Schlag um die Grösse einer Volkswirtschaft wie Belgien zunehmen. In US-Staaten wie New Mexico, in denen das US-Militär grössere Forschungseinrichtungen betreibt, wird das BIP um rund 10 Prozent ansteigen, während es z.B. in Louisiana kaum einen Wachstumsschub geben dürfte.

Um die Daten auch in ihrer Historie vergleichbar zu machen, wird das BIP auf der Grundlage der neuen Zusammensetzung bis ins Jahr 1929 zurückgerechnet. «Im Prinzip», so Brent Moulton, der Leiter des Bureau of Economic Analysis (BEA), «schreiben wir die Geschichte neu».

Die Anpassung der BIP-Daten erfolgt gleichzeitig mit einer umfassenden Überarbeitung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Wie Steve Landefeld, Direktor in der BEA, erklärt, ist schlicht nicht vorherzusagen, welche Auswirkungen die Mischung beider Veränderungen in der Summe haben wird. Dieser Umstand spricht zumindest dafür, dass nicht unbedingt eine politische Absicht dahinter steckt. Zweifel an der Datenqualität bestehen jedoch! So fragt Tobias Straumann in seinem Beitrag für den Blog «Never mind the markets»: «Sind alle US-Wirtschaftsdaten falsch?» Wer sich nun ein höheres BIP-Wachstum als Erfolg seiner Regierungsarbeit auf die Fahnen schreiben möchte, erhält jedenfalls eine willkommene Steilvorlage.

Und die Fed?

Die Fed hat ihre künftigen Leitzinsentscheidungen mit der Entwicklung der Arbeitslosenquote und der Inflationsrate verknüpft. Dies soll die Vorhersagbarkeit der Zinspolitik erhöhen und damit auf den Kapitalmärkten die Unsicherheit verringern. Gleichzeitig jedoch gibt sie die Entscheidungsgrundlage für die Zinsentscheidungen ein Stück weit aus der Hand, denn beide Statistiken werden vom Bureau of Labor Statistics erhoben. Dieses gehört zum amerikanischen Arbeitsministerium. Es steht zwar nicht im Verdacht, seine Daten gezielt zu manipulieren. Die Entscheidungen, nach welchen Kriterien jemand z.B. als arbeitssuchend gilt oder die Inflationsrate ermittelt wird, liegen somit jedoch in den Händen einer Regierungsbehörde. In letzter Konsequenz kann also die amerikanische Regierung Einfluss darauf nehmen, ob das Zinsniveau früher oder später angehoben wird.

Ob die Regierung dies aktiv ausnutzt, wird sich letztlich nicht nachweisen lassen. Fest steht jedenfalls, dass sie ein Interesse daran hat, das Zinsniveau so lange wie möglich auf einem niedrigen Niveau zu halten.

Natürlich besteht ein grosser Unterschied zwischen einer zielgerichteten Manipulation von Datenerhebungen und der – von Zeit zu Zeit notwendigen – Anpassung von Datensammlungen an neue gesellschaftliche Gegebenheiten. Dies gilt umso mehr als ja in den meisten Demokratien eine gewisse Transparenz hinsichtlich derartiger Anpassungsprozesse besteht.

Nichtsdestotrotz ist auch bei uns «das System» auf eine gewisse Kritiklosigkeit im Umgang mit Daten ausgelegt: Will z.B. in den USA jemand in Economics promovieren, ist einen Master-Abschluss in Physik oder Mathematik in vielen Fällen eine wichtige Voraussetzung. Grundkenntnisse in Wirtschaft sind dagegen keine zwingende Voraussetzung.

Verwundert es da, dass die vorwiegend auf Worte gestützte Analyse gerne belächelt wird? Aussagen gewinnen erst dann an Gewicht, wenn sie mit Modellen und quantitativen Analysen unterfüttert werden können. Dieser Umstand hat möglicherweise dazu beigetragen, dass die Welt frühzeitige Warnungen ignoriert und sich stattdessen mit den Kennzahlen der Ökonomen beruhigt hat, bevor sie in eine mittlerweile seit Jahren andauernde Krise gestürzt ist.

Wer für seine Anlageentscheidungen eine statistische Begründung sucht, wird diese auch finden. Irgendwo. Die chinesische Regierung jedenfalls hat die Zielgrösse für das diesjährige Handelswachstum auf 8 Prozent festgesetzt. Zheng Yeusheng ist zuversichtlich, dass dieses Ziel erreicht werden kann. Wer wollte dies bezweifeln?

Quelle der Zahlenangaben: Bloomberg
Referenzen:
Bloomberg News, 10.04.2013: China exports miss forcasts as ‚absurd’ data probed
Financial Times, 21.4.13: Data shift to lift US economy 3%
Deus ex Machina, Blog FAZ, 1.7.2011: Eine Zahl, viele Manipulationen
Deus ex Machina, Blog FAZ, 11.1.2011: Revolutionen und Ökonometrie

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
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