Des Pfarrers zehn Prozent

Des Pfarrers zehn Prozent 

Der Zehnt ist die älteste Steuer der Geschichte. 10 Prozent der Erträge gingen an den Pfarrer, der damit Kirchen-, Schul- und Armenwesen finanzierte. Nicht immer ging es dabei mit rechten Dingen zu.

„Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.“ Von seinem Traum tief ergriffen, gibt Jakob Gott im ersten Buch Mose ein Versprechen: „Von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.“ Der Zehnt, lateinisch auch „decimus“ oder „census“, ist die biblisch legitimierte Abgabe eines Zehntels aller landwirtschaftlichen Erträge an die Kirche. Diese Naturalsteuer war in vielen Kulturen bekannt und wurde vom frühen Christentum übernommen. Der Kirchenzehnt war innerhalb eines territorial genau umrissenen Gebiets geschuldet und wurde von der zehntberechtigten Pfarrkirche erhoben. Deren Bedarf war durchaus gross: Pfarrherrlicher und bischöflicher Unterhalt, kirchliche Verwaltung, örtliches Schulwesen und die Armenfürsorge kosteten Geld, und so legte der in Bologna lehrende Kirchenrechtler Gratian 1140 erstmals ein formelles Regelwerk für den Zehnten fest, eine Ernteabgabe, die ursprünglich direkt an den Pfarrer, später zusätzlich auch an den Bischof zu entrichten war.

„Zehnt“ nicht gleich 10 Prozent

Der Zehnt betrug nur dem Wortsinn nach 10 Prozent. Je nach Qualität des zehntpflichtigen Bodens konnte er bis zu einem Drittel der Erzeugnisse betragen; gelagert wurde er in den sogenannten Zehntscheunen, nach der Kirche vielerorts das grösste Gebäude im Dorf. Die Erhebung war komplex und unterschied sich von Region zu Region. So gab es, immer mit Bezug auf die Bibel, den Grosszehnten, der auf Getreide und Grossvieh zu entrichten war, den Kleinzehnten (andere Feldfrüchte), den Fruchtzehnten (Küchenkräuter, Obst, Gemüse), den Wein-, Heu-, Holz- und Fleischzehnten. Auf durch Rodung gewonnenes Ackerland wurde der Neubruchzehnt erhoben, auf Bergwerke der Bergzehnt, und neue Kreuzzüge wurden mit dem (zeitlich befristeten) Kreuzzugszehnt finanziert.

Zwar war der Zehnt unabhängig von der tatsächlich erzielten Ernte geschuldet, doch naturgemäss konnten die Erträge stark schwanken. Um dennoch mit regelmässigen Einkünften rechnen zu können, begann die Kirche das Recht zur Zehnterhebung an Geschäftsleute zu verpachten. Zur Zeit der Reformation waren über 90 Prozent aller Zehnteinkünfte nicht mehr bei einer Pfarrei angesiedelt. Nicht immer ging es dabei mit rechten Dingen zu – selbst dann, wenn der Zehnt von Klerikern verwaltet wurde –, und in weiten Teilen Mittel- und Süddeutschlands, Österreichs und der Schweiz mündete der aufkochende Volkszorn 1524 in Aufstände, die als „Deutscher Bauernkrieg“ in die Geschichte eingingen.

Im Visier der Reformation

Damit geriet der Zehnt ins Visier der Reformation. In Zürich fand sich Reformator Huldrych Zwingli zwischen zwei Fronten wieder – den Bauern, die nicht länger bereit waren, mit ihrem Zehnten „unevangelische“ Predigten mitzufinanzieren, und den Altgläubigen, die sich gegen jedwelche Reformen stemmten. In einer Predigt am 30. Juli 1523 beliess es der Reformator noch bei einer eindringlichen Mahnung, sich der Zehntenpflicht nicht zu widersetzen („Zum Zehnten spricht Paulus: Wem ihr Steuern schuldig seid, dem gebt sie“), doch schon zwei Jahre später schlug Zwingli, von der Zürcher Regierung um ein Gutachten gebeten, die Abschaffung zumindest des verhassten kleinen Zehnten vor – vorerst noch ohne Erfolg.

Mit dem Einmarsch Napoleons 1798 aber wurde der Zehnte abgeschafft und durch an Frankreich zu entrichtende Steuern ersetzt. Weil der napoleonische Zentralstaat damit allerdings weniger die Besatzungskosten als vielmehr seinen kostspieligen Ägyptenfeldzug finanzierte und der Helvetischen Republik das Geld ausging, wurde der ungeliebte Zehnt schon kurz nach 1800 aufs Neue eingeführt. Seine endgültige Ablösung durch staatliche Steuern zog sich über die folgenden fünf Jahrzehnte hin und verlief, ganz nach gutschweizerischer Manier, von Kanton zu Kanton verschieden.

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