Zeit für eine Neuausrichtung des Portfolios

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Wer als Anleger die Bewegungen an den Anleihe- und Aktienmärkten verfolgt, konnte sich lange Zeit auf eine feststehende Regel verlassen: Die Rendite von Anleihen und die Kurse von Aktien korrelierten negativ. Wenn Anleiherenditen fielen, stiegen die Aktienkurse, umgekehrt bedeuteten steigende Renditen meist fallende Aktienkurse.

Anleger, die sich jedoch die Mühe machen, die Preisbewegungen von Aktien und Anleihen genauer zu untersuchen, werden feststellen, dass diese negative Korrelation nicht immer gilt. Sie hängt von bestimmten Faktoren ab. So zeigen Anleiherenditen und Aktienkurse nur dann entgegengesetzte Bewegungen, wenn sich die Anleiherenditen über einem bestimmten Niveaus befinden.

In einer Studie von Goldman Sachs wird dieses Renditeniveau für europäische Staatsanleihen mit rund fünf Prozent oder mehr identifiziert. Liegt das durchschnittliche Renditeniveau darüber, lässt sich eine grundsätzlich negative Korrelation zu Aktien feststellen. Liegt das Renditeniveau unter dieser Schwelle, so wie es seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 der Fall ist, lässt sich dagegen grundsätzlich eine positive Korrelation, also eine gleichlaufende Bewegung von Anleiherenditen und Aktienkursen feststellen.

Korrektur an den Anleihemärkten stellt Zusammenhänge infrage

Die vergangenen Wochen, in denen die Anleiherenditen in die Höhe schossen und die Aktienmärkte gleichzeitig stark nach unten schlitterten, scheinen jedoch nicht in das Muster dieses Gleichlaufs zu passen. Wie ist es zu erklären, dass sich Aktien und Anleihen plötzlich so ausgeprägt anders verhalten als in den zurückliegenden sechs bis sieben Jahren?

Die Autoren der Goldman-Sachs-Studie sehen den Grund in der Geschwindigkeit, mit der die Anleiherenditen angestiegen sind. Betrachtet man beispielsweise die 10- bis 30-jährigen deutschen Bundesanleihen, so liegt der Gesamtertrag mit bis zu -16 Prozent seit dem 20. April dieses Jahres deutlich im negativen Bereich. Eine solch scharfe Bewegung ist für deutsche Staatsanleihen überaus ungewöhnlich. Damit bewegen sie sich wieder auf den Renditeniveaus des vierten Quartals 2014, allerdings mit dem Unterschied, dass die Volatilität heute deutlich höher ist als seinerzeit.

Im Unterschied zu den Renditeanstiegen der vergangenen Jahre, die oft ein Zeichen gestiegenen konjunkturellen Optimismus waren und entsprechend auch auf den Aktienmärkten einen positiven Widerhall fanden, sind die Renditesprünge der vergangenen Wochen eher ein Zeichen dafür, dass das Thema Deflation endgültig vom Tisch ist. Dies hat zu einer Neupositionierung vieler Marktteilnehmer geführt und aufgrund der Heftigkeit der Bewegung auch am Aktienmarkt eine Korrektur ausgelöst. Hinzu kommt einmal mehr die gestiegene Unsicherheit im Hinblick auf die nicht enden wollende Griechenland-Thematik.

Dividendentitel leiden

Die gestiegenen Anleiherenditen haben handfeste Auswirkungen, insbesondere auf Aktien mit einer hohen Dividendenrendite, die zuletzt gerne als Obligationenersatz gekauft wurden. Der Gedankengang ist simpel: Gehe ich als Anleger davon aus, dass die Aktienmärkte mindestens stabil bleiben, kann ich mit dividendenstarken Titeln ein attraktives regelmässiges Einkommen erzielen – ähnlich wie mit einer Anleihe eben.

Die zurückliegenden Wochen haben allerdings eindrucksvoll offengelegt, wo die Schwachstelle einer solchen Herangehensweise liegt: Aktien verfügen grundsätzlich über eine höhere Volatilität als Anleihen und eine ausgeprägte Korrektur, wenn nicht sogar längere Phasen fallender Kurse. Wer Aktien hält, deren Kurs um zehn Prozent fällt, wird sich schwer damit trösten, dass er eine Dividendenrendite von drei bis fünf Prozent erhält.

Hinzu kommt, dass in der aktuellen Korrektur ausgerechnet die Dividendentitel stark unter Druck gekommen sind, da der Aspekt des Anleiheersatzes an Bedeutung verliert, wenn die höheren Renditen Anleihen wieder attraktiver erscheinen lassen. Dies trifft Obligationenanleger umso härter, als sie oft konservativer als Aktienanleger denken und entsprechend weniger Risiko, also Kursschwankungen, in ihrem Portfolio wünschen.

Sind Dividendenaktien weiterhin sinnvoll?

Auch in Zukunft wird eine attraktive Dividendenrendite selbstverständlich den Reiz einer Aktie erhöhen. Neben der Auswahl der Titel selbst dürfte in den kommenden Monaten viel auf die Branche ankommen, in der ein Unternehmen tätig ist. Bisher standen vor allem defensive Sektoren oben in der Anlegergunst, die sich durch eine hohe Visibilität hinsichtlich Umsatzwachstum und eine eher geringe Sensitivität gegenüber der konjunkturellen Entwicklung auszeichnen. Entsprechend sind diese Sektoren mittlerweile recht teuer.

Sollten sich die Anzeichen einer anspringenden Konjunktur bestätigen, ist es sinnvoll, eher zyklische Branchen auszuwählen, bei denen Wirtschaftswachstum nicht so sehr zu steigendem Umsatz, sondern zu einer höheren operationellen Marge und damit zu einem stärkeren Gewinnwachstum führt. Dabei muss der Aspekt einer attraktiven Rendite nicht notwendigerweise auf der Strecke bleiben.

Hilfreich wäre allerdings, wenn die Anleiherenditen nicht mehr so sprunghaft anstiegen, sondern eine gemässigte Gangart einschlügen.

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 9. Juli 2015 | Die Börsenblogger

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