Fed aus der Reserve gelockt?

Fed aus der Reserve gelockt? 

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, als sich niemand ausser einem kleinen Kreis von verkorksten Ökonomen in Akademie und Forschungsabteilungen von Finanzinstituten für die Geldpolitik interessierte? Monetäre Kurswechsel vermochten kaum mehr als eine Randnotiz im Wirtschaftsteil zu provozieren, mit Sicherheit keine Schlagzeilen auf der Titelseite von Tageszeitungen. Tempi passati – was aber hat uns der „geldpolitische Fortschritt“ gebracht?

Autor: Dr. Alex Durrer, Chief Economist LGT Capital Partners

Es herrschte die „alte Schule“ einer unabhängigen, sogenannt stabilitätsorientierten Geldpolitik, in welcher vor allem Prinzipientreue und (eben: langweilige!) ordnungspolitische Regeln im Zentrum standen. Ins Kalkül der politischen Entscheidungsträger Eingang fanden ausschliesslich lupenrein erhobene Konjunkturstatistiken und Inflationsindikatoren – ohne jeden Seitenblick auf die Börsen…

„Easy Al“ und Draghi stellen Zentralbanken in den Fokus

Alan Greenspan, der legendäre frühere Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve, war der erste, der es vor rund zwanzig Jahren freiwillig oder unfreiwillig geschafft hat, mit seiner sybillinischen Rhetorik und Zeichensprache einen eigentlichen Kult um seine Person zu kreieren – inklusive einer Heerschar von Analysten, welche buchstäblich an seinen Lippen hingen und tagaus, tagein seine Gestik zu interpretieren versuchten. „Wenn Sie glauben, mich verstanden zu haben, dann habe ich mich falsch ausgedrückt“, lautete eines seiner Bonmots, binnen kurzem als „Fed-Speak“apostrophiert.

Erst ein gutes Dutzend Jahr später, am 26. Juli 2012, gelang es Mario Draghi, dem gewieften Ex-Präsidenten der Europäischen Zentralbank, den unvergesslichen „Easy Al“ zu toppen. Mit seinen drei magischen Worten „whatever it takes“ schaffte er ausserdem, was zuvor weder dreistellige Milliardenhilfen noch unzählige Krisengipfel vermochten: eine schlagartige Beruhigung der Finanzmärkte mitten in der europäischen Schuldenkrise. Leider bedeutet spätestens dieses Datum auch das Aus für jene Legende einer diskret und von unpolitischen Technokraten betriebenen Geldpolitik „alter Schule“. Wer heute noch glaubt oder sich darauf beruft, dass Zentralbanken vom Rest der Politik eigentlich unabhängig sein sollten, wird nicht mehr ernstgenommen, sondern als weltfremd ausgelacht.

Politisch unabhängige Zentralbanken?

Die Liste von Entwicklungen, welche diesen irreversiblen Trend bestätigen, lässt sich dies- und jenseits des Atlantiks bis in die Gegenwart fast beliebig fortsetzen. Dazu zählt etwa die jüngste, aus konjunktureller Warte schwer nachvollziehbare Kehrtwende oder Paradigmenrevision von Jerome Powell, der seither den Verdacht nicht mehr loswird, nach Trumps Twitter-Pfeife zu tanzen oder sich davon mindestens aus der Reserve locken zu lassen. Und während manchenorts die Politik immer mehr Einfluss auf die Zentralbank nimmt, setzt man anderenorts gleich eine Politikerin an ihre Spitze: soviel zur Wahl von Christine Lagarde ins Präsidium der EZB!

Das Lamentieren über die abhanden gekommene Unabhängigkeit von Zentralbanken ist populär geworden, in unseren Breitengraden überwiegend von vorgeblich (aber auch vergeblich!) ordnungspolitisch überlegener Warte vom Schlage einer Neuen Zürcher Zeitung. Gerade aus Schweizer Perspektive ist dies fehl am Platz: Nur ungern sei an den helvetischen Sündenfall vom September 2011 erinnert, als Philipp Hildebrand, damaliger Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, mit der Ausstrahlung äusserster Entschlossenheit und geldpolitischer Allmacht verkündete, ab sofort keinen Euro-Franken-Kurs unter der Marke von 1.20 mehr zu tolerieren. Das unter politischem Druck inszenierte Hasardspiel, das im ungünstigsten Fall ins Desaster hätte führen können, dauerte bis zur SNB-Kapitulation im Januar 2015 immerhin 1227 Tage.

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Ruhe bewahren

Fazit: Anders als die genannten Notenbankpräsidenten, sollten sich Investoren nicht aus der Reserve locken lassen und auf keinen Fall ihre bewährte Strategie über Bord werfen oder ihre Risikofähigkeit überschätzen. Unmittelbar droht diese Gefahr aufgrund der bekannten Anleger-Vorliebe für Zinssenkungen – einerseits, weil davon eine Stimulierung der Wirtschaft erhofft wird, und anderseits, weil dadurch Risikoanlagen wie Aktien im Vergleich zu Anleihen attraktiver werden.

Zu Vorsicht mahnt zunächst die Möglichkeit, dass die Futures-Märkte den unverhofft eingeleiteten Zinssenkungszyklus aktuell überschätzen, was Enttäuschungspotential birgt. Weitere Unsicherheit geht von der Binsenweisheit aus, dass Zinssenkungen kein absolutes Allheilmittel sind, um Rezessionen abzuwenden. Über die letzten fünf Dekaden war dieses Rezept in fast der Hälfte aller Fälle nicht von Erfolg gekrönt – was durchschnittliche Wertverluste von gut und gerne 25% auf Aktienindexebene herbeiführte. Konnte eine Rezession tatsächlich verhindert werden, vermochten die Börsen nochmals kräftig zuzulegen, freilich erst nach einer ausgesprochen volatilen Transitionsphase. In Anbetracht dieser besonders hohen Szenario-Divergenz und eines nach über zehn Jahren Bullenmarkt unvorteilhafter gewordenen Chancen-Risiken-Verhältnisses empfiehlt es sich, derzeit keine allzu grossen taktischen Wetten einzugehen. Dafür – allen kopfschüttelnden Besserwissern zum Trotz – dem Portefeuille etwas Gold beizumischen, als Reserve für alle Fälle.

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