Zentralbanken: Auslöser eines Minsky-Moments?

Zentralbanken: Auslöser eines Minsky-Moments? 

Während die Aktienmärkte derzeit mit einer gewissen Ruhe vor sich hin boomen und die Anleger weiter mit ihrer eher niedrigen Volatilität einllullen, lässt sich beispielsweise an den Devisenmärkten ablesen, dass sich grössere tektonische Verschiebungen ihren Weg durch die globale Anlagewelt bahnen. Die weltweiten Finanzmärkte befinden sich derzeit in einer Phase, die durch eine beunruhigende Sorglosigkeit unter den Anlegern hinsichtlich der Anlagerisiken geprägt ist.

Gemäss der Theorie von Hyman P. Minsky, die, wen wundert es, seit 2007 eine grosse Beachtung findet, sind Finanzkrisen im Kapitalismus eine normale Erscheinung. Ihnen voraus geht demnach eine Phase, in der die Anleger das Gefühl für Risiko verlieren. Hinzu kommen die Gier nach immer höheren Erträgen, ein Herdentrieb unter den Finanzmarktakteuren und ein grosser Wettbewerb unter den Banken. Diese Mischung kulminiert zwangsläufig in einem Punkt, in dem ein an sich nebensächliches Ereignis den Zusammenbruch des Systems auslösen kann.

Die Kraft, die das Gute will und das Böse schafft

Laut Minsky haben im Krisenfall der Staat und/oder die Zentralbanken die Aufgabe, einzugreifen und den Finanzmärkten mittels Regulierungen und Geldpolitik wieder zur Stabilität zu verhelfen. In der aktuellen Situation könnten jedoch ausgerechnet die Zentralbanken ein wesentlicher Verstärker der zerstörerischen Kräfte sein.

Seit Mitte 2011 erleben wir ein Aufwärtsbewegung im US-Dollar, die seit Juni 2014 noch einmal deutlich an Fahrt aufgenommen hat. Es muss sich freilich erst noch zeigen, ob dies eine Unterbrechung des grundsätzlichen, sehr langfristigen Abwertungstrends sein wird, die der Dollar – mit längeren Unterbrechungen – seit Anfang der siebziger Jahre aufweist, oder ob der Dollar tatsächlich eine grundlegende Trendumkehr vollzieht.

Jedenfalls stehen die Zeichen auch nach nunmehr fast fast vier Jahren nicht schlecht, dass die Dollarstärke weiterhin Bestand hat. Ausschlaggebend dürfte hierfür die aktuelle Geldpolitik in den wichtigsten Währungsräumen sein. Nach den Liquiditätsexzessen in den USA und Japan hat nun auch die Europäische Zentralbank (EZB) ihr eigenes Programm für den Ankauf von Staatsanleihen aus der Eurozone begonnen. Dies treibt nicht nur die europäischen Aktienmärkte an, es schickte auch den Euro gegenüber dem Dollar auf eine lange nicht mehr gesehene Talfahrt. Schon in der ersten Woche des EZB-Programms schlitterte der Euro auf ein Zwölfjahrestief zum Dollar.

Darüber hinaus zeigt sich die wirtschaftliche Entwicklung in den USA seit einigen Jahren von ihrer robusten Seite. Die Wachstumsprognosen liegen für 2015 und 2016 deutlich über den Erwartungen selbst für die stärkeren Volkswirtschaften in der Eurozone. Entsprechend erwarten die Anleger, dass die Leitzinsen in den USA dieses Jahr beginnen zu steigen, während sie in der Eurozone weiterhin bei praktisch null liegen werden.

Währungsmanipulation statt Wirtschaftspolitik

Angesichts des seit Jahren kaum noch wahrnehmbaren Wachstums in der Eurozone, wie auch in Japan, überrascht es nicht, dass die EZB und die Bank of Japan das explizite Ziel verfolgen, ihre Währungen abzuwerten. Denn sie erachten den komparativen Vorteil, den sie ihren Volkswirtschaften auf diese Weise verschaffen, als hilfreich, wenn nicht sogar als das wichtigste Element, um das Wachstum anzukurbeln und ein gewisses Mass an Lohnsteigerungen und Inflation zu schaffen.

Nicht verwunderlich mehren sich auf der anderen Seite in den USA die Stimmen, die die Aufwertung des Dollars als Gefahr für amerikanische Exportindustrie sehen. Noch halten dem die Präsidentin der Fed, Janet Yellen, wie auch ihr Vize, Stanley Fischer, allerdings entgegen, dass der starke Dollar ein positives Zeichen sei. Denn er spiegele vor allen Dingen die Stärke der US-Wirtschaft wider. Ein Anziehen des Wachstums in anderen Teilen der Welt, so argumentieren sie, werde auch der US-Wirtschaft zugutekommen.

Dies wäre zweifellos wünschenswert. Ein Blick auf die strukturellen Fortschritte in den Wirtschaften der Eurozone, selbst ohne Griechenland, legt jedoch den Schluss nahe, dass hier tatsächlich vor allem der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Denn die faktische Finanzierung durch die EZB haben viele Regierungen bisher vor allem dazu genutzt, Zeit zu vertrödeln und nötige Reformen auf die lange Bank zu schieben.

Sorglose Verschuldung beginnt weh zu tun

Hier kommt Minsky wieder ins Spiel. Denn ein Zeichen der erhöhten Sorglosigkeit ist der exzessiv steigende Verschuldungsgrad unter den Wirtschaftssubjekten. Dies lässt sich auf Seiten der öffentlichen Hand weiterhin in einigen Staaten der Eurozone feststellen und auf Seiten der Privatwirtschaft vor allem in den Schwellenländern.

In letzteren stiegen die Dollarschulden in den vergangenen Jahren explosionsartig an. Seit nun der Dollar aufwertet, hat sich somit die Rückzahlung der Kredite erheblich verteuert. Gleichzeitig haben viele Dollarschuldner das Problem, dass sie ihre Einnahmen durch den Verkauf von Öl erwirtschaften. Fällt der Ölpreis, so wie in den vergangenen Monaten geschehen, verbinden sich die höheren Finanzierungskosten mit wegbrechenden Einnahmen.

In Europa sind Länder wie Griechenland nicht lange überlebensfähig, sobald die EZB die kurzfristige Liquiditätsversorgung einschränkt oder ganz einstellt. Zwar mag ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone grundsätzlich verkraftbar sein, aber er wird wahrscheinlich kein isoliertes Ereignis bleiben.

Denkbare Auslöser für einen Minsky-Moment sind demnach eine ganze Reihe von Einzelereignissen. Die Frage bleibt, wer als Retter in Frage kommt, wenn die Zentralbanken ausfallen.

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