Zentralbanken: Lässt sich Europa in Schwung bringen?

Zentralbanken: Lässt sich Europa in Schwung bringen? 

In der vergangenen Woche veröffentlichte die Europäische Zentralbank (EZB) Informationen zur Inanspruchnahme des ersten Tenders der Targeted Long Term Refinancing Operations (TLTRO). Diese zielgerichteten langfristigen Refinanzierungsgeschäfte sind Teil der Anfang Juni angekündigten Massnahmen, mit denen die EZB die Kreditvergabe in der Eurozone ankurbeln möchte.

Im September und Dezember dieses Jahres sowie an einem weiteren Termin 2015 sollen Banken insgesamt bis zu sieben Prozent des bestehenden Kreditvolumens (per 30. April 2014) von der EZB ausleihen können. Dies sind insgesamt 400 Milliarden Euro. Der Zins wird im Nachhinein verrechnet und liegt 10 Basispunkte über dem Hauptrefinanzierungssatz. Nachdem die EZB also im September in einem überraschenden Schritt die Leitzinsen noch einmal um zehn Basispunkte auf 0.05 Prozent gesenkt hat, belaufen sich die Zinskosten für das im Rahmen der TLTRO geliehenen Geld auf 0,15 Prozent.

Die zugeteilten Kredite müssen von den ausleihenden Banken zur Vergabe von Krediten an die Privatwirtschaft genutzt werden. Stellt die EZB jedoch fest, dass sich die Nettokreditvergabe der jeweiligen Bank nicht erhöht, mit anderen Worten: Vergibt die ausleihende Bank nicht mehr Geld als zuvor, muss der TLTRO-Kredit vorzeitig, das heisst im September 2016 (statt im September 2018), zurückgezahlt werden. Wer also möchte, kann das Programm also genauso gut als herkömmliche zweijährige Refinanzierungsgeschäfte ohne Zweckbindung betrachten.

Angesichts der ausgesprochen günstigen Konditionen und der de facto freien Verfügbarkeit der ausgeliehenen Mittel müssten die Banken also Schlange stehen, um die TLTRO-Mittel in Anspruch zu nehmen. Aber weit gefehlt! Statt der 130 Milliarden Euro, die die EZB prognostiziert hatte, wurden lediglich 82.6 Milliarden Euro von 255 Geschäftsbanken aus der Eurozone abgerufen.

Gleichzeitig zahlen die europäischen Geschäftsbanken in dieser Woche rund 20 Milliarden Euro aus den beiden Ende 2011 und Anfang 2012 aufgelegten Refinanzierungsprogrammen (LTRO) zurück, so dass der erste Tender des aktuell aufgelegten Programms lediglich rund 62 Milliarden Euro neue Liquidität geschaffen hat. Zum Vergleich: Dies ist ziemlich genau der Betrag, den die amerikanische Zentralbank (Fed) im Rahmen ihres QE3-Programms ab September 2012 jeden Monat in amerikanische Staatsanleihen und Mortgage Backed Securities investiert hat, bevor sie im Januar dieses Jahres mit dem Reduzieren der monatlichen Anleihekäufe begonnen hat.

Ob die neueste Liquiditätskanone aus dem Hause EZB zu einem Rohrkrepierer wird, steht jedoch noch nicht fest. Denn für Oktober will die EZB die Konditionen des ebenfalls im Juni beschlossenen Kaufprogramms für Asset Backed Securities und Covered Bonds bekanntgeben. Viele Banken werden daher abwarten, bis sie wissen, welche Art der Refinanzierung für sie die günstigere ist.

Hinzu kommt, dass die Ergebnisse der Bilanzanalyse, im Rahmen derer die EZB die Bilanzen der grössten europäischen Banken unter die Lupe nimmt, erst für die kommenden vier bis fünf Wochen erwartet werden. Banken, für die ein Bedarf an zusätzlicher Liquidität ermittelt wird, werden in der zweiten Runde der TLTRO im Dezember dankbar zugreifen. Vorher jedoch dürfte die Motivation der Geschäftsbanken, sich auf Verdacht mit Liquidität einzudecken, deutlich gesunken sein, seitdem die EZB die bei ihr gehaltene Überschussliquidität der Geschäftsbanken mit einem negativen Zins belegt hat.

So gut die Absichten der EZB auch immer sein mögen und so attraktiv die Konditionen auch sind, in einer stagnierenden Wirtschaft, in der die Investitionen der Unternehmen, und damit auch deren Kreditnachfrage, nicht wachsen, sind Reichweite und Wirkung von stimulierenden Massnahmen der Zentralbank von vornherein beschränkt. Notwendig sind, und dies fordern EZB-Präsident und europäische Unternehmen ebenso einmütig wie beständig, Strukturreform in vielen Euro-Staaten. Hier zeigt sich allerdings, dass die meisten nationalen Regierungen viel lieber auf neue Geldspritzen aus Frankfurt warten als selber Reformen auf den Weg zu bringen, mit denen man unter Umständen der eigenen Klientel weh täte.

So kann man zwar mitunter den Eindruck gewinnen, die EZB erginge sich in einer Art eitlem Aktionismus, um sich ihrer eigenen Bedeutung zu versichern. Die Frage ist allerdings, ob es ernsthafte Alternativen gibt angesichts der europäischen Realpolitik. Denn die ist durch nichts weniger geprägt als durch übermässigen Handlungseifer.

Leselinks:

Johannes Pennekamp beschäftigt sich in der FAZ mit den kritischen Erfolgsaussichten der EZB-Politik (18.09.2014): Draghis neue Kreditkanone klemmt

Lisa Nienhaus interpretiert ebenfalls in der FAZ die Sprachdiplomatie von EZB-Statements (04.09.2014): Draghi und die Wunderlampe

 

Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
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