Zentralbanken: am Ende ihrer Weisheit?

Zentralbanken: am Ende ihrer Weisheit? 

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Die expansive Geldpolitik der Zentralbanken hat an den Kapitalmärkten in den vergangenen Jahren riesige Blasen erzeugt. Die Notenbanken sind daher nun gefordert, ihre Geldpolitik wieder zu normalisieren. Doch das ist leichter gesagt als getan.

Der heftige Einbruch an den internationalen Börsen Ende 2018, allen voran an der Wall Street, hat Schockwellen durch das globale Finanzsystem gesendet. Die Angst vor einer neuerlichen Finanzkrise und einem globalen Konjunktureinbruch ging um. Grund für die vorweihnachtliche Börsenkorrektur war eine wohl eher unbedachte Äusserung des US-Notenbankchefs Jerome Powell: Die Zinspolitik der Fed werde auf „Autopilot“ geschaltet, meinte er, und tönte damit eine Fortsetzung des Zinserhöhungszyklus an. Nachdem die Fed bereits 2018 ihre strategische Umkehr eingeleitet und begonnen hatte, die Geldzufuhr ins System zu stoppen, kontinuierlich Liquidität abzuziehen und die eigene Bilanz zu bereinigen, befürchteten die Kapitalmärkte, dass die Fed nun überschiessen und die Wirtschaft, die sich ohnehin in einer späten Phase im Wachstumszyklus befindet, unnötigerweise abwürgen könnte.

In der Sackgasse

Aufgrund des Einbruchs an den Aktienmärkten sah sich Fed-Chef Powell gezwungen, zurückzurudern: Die US-Notenbank werde sich weiterhin an die Bedürfnisse der Märkte „anpassen“ und die noch Anfang Dezember angekündigten Zinserhöhungen vorerst aussetzen. An den Finanzmärkten reagierten die Akteure auf diese Nachricht prompt. Die Aktienkurse begannen eine rasante Aufholjagd und bescherten dem Dow Jones den besten Januar seit Jahrzehnten.

Powells rasche, von den Märkten erzwungene Kehrtwende, bedeutet für die Notenbanken nichts Gutes. Die Fed – und in der Folge auch andere Notenbanken – müssen sich eingestehen, dass die angestrebte Normalisierung der Geldpolitik äusserst schwierig wird. Die Finanzmärkte sind immer noch „süchtig“ nach Liquidität und werden einen Entzug nach wie vor nur schwer verkraften. Das bedeutet, dass die durch die expansive Geldpolitik an den Anleihen-, Aktien- und Immobilienmärkten kreierten Blasen nicht korrigiert werden können und diese für das globale Finanzsystem zu einer grossen Gefahr werden. In eine Sackgasse ist damit nicht nur die US-Notenbank geraten, sondern mit ihr auch die anderen grossen Zentralbanken wie die Bank of Japan, die Europäische Zentralbank sowie im Schlepptau die Schweizerische Nationalbank.

Welche Optionen haben die Zentralbanken?

Für die Zentralbanken gibt es drei Auswege aus diesem Dilemma:

  1. Abwarten
    Die Notenbanken können vorerst abwarten – was sie aktuell auch zu tun scheinen. Dabei besteht jedoch das Risiko, dass sie die Geldpolitik unterschiessen und „behind the curve“ geraten. Dies würde sich in einer überschiessenden Inflation und einer entsprechenden Reaktion an den Zinsmärkten bemerkbar machen.
  2. Erneute Lockerung
    Die Zentralbanken könnten sich von den Kapitalmärkten leiten lassen und die Zinsen erneut lockern. Die Normalisierung der Geldpolitik und die Bereinigung der Notenbankbilanzen wäre damit aufgeschoben, vielleicht sogar unmöglich. Die Risiken im Finanzsystem würden weiter steigen und die Notenbanken würden ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Im Falle der amerikanischen Zentralbank müsste sich Fed-Präsident Powell dann auch den Vorwurf gefallen lassen, dem Druck von US-Präsident Trump nachgegeben zu haben.
  3. Fortsetzung der geldpolitischen Normalisierung
    Alternativ könnten die Zentralbanken die Normalisierung der Geldpolitik einfach fortsetzen, ohne explizit Rücksicht auf kurzfristige Finanzmarktentwicklungen zu nehmen. Die Notenbanken würden den Märkten also erneut Geld entziehen und die Zinsen weiter erhöhen. Dies erwartet zurzeit aber niemand. Eine derartige, aus Sicht der Märkte ignorante Politik scheint in Anbetracht der Finanzmarktgeschichte höchst unwahrscheinlich, führte doch diese Vorgehensweise 1929 zum bisher grössten internationalen Börsencrash und zur Grossen Depression und hätte in der heute global vernetzten Welt wahrscheinlich noch gravierendere Folgen als damals.

Es bleibt abzuwarten, für welche der drei Varianten sich die Zentralbanken entscheiden wird. Klar ist jedoch, dass sie das globale Finanzsystem mit ihrer lockeren Geldpolitik in den vergangenen zehn Jahren in eine sehr unglückliche Lage gebracht haben, aus der ein Ausstieg eine grosse Herausforderung wird. Sind die Zentralbanken – bisher die Retter in der Not – damit am Ende ihrer Weisheit angelangt?

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 2. April 2019 | marktEINBLICKE

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