Zu Risiken und Nebenwirkungen von Niedrigzinsen

Zu Risiken und Nebenwirkungen von Niedrigzinsen 

Seit rund sechs Wochen kauft die Europäische Zentralbank (EZB) Anleihen aus der Eurozone im Volumen von 60 Milliarden Euro monatlich. Das erklärte Ziel dieser als Quantitative Easing (QE) bezeichneten Massnahme ist es, die Finanzierungskosten der Unternehmen insbesondere in den Peripheriestaaten der Eurozone zu senken, was in einem zweiten Schritt zu niedrigeren Refinanzierungskosten der Banken führt. Dies, so jedenfalls die Hoffnung, schlägt sich dann in einem letzten Schritt in niedrigeren Kosten, also Zinsen, für Bankkredite nieder. Auf diese Weise sollen auch solche Unternehmen zu günstigeren Finanzierungsmöglichkeiten kommen, die keinen direkten Zugang zum Finanzmarkt haben: kleine und mittelständische Unternehmen.

Deutschland finanziert sich zum Nulltarif

Ob (und wenn ja, wann) dies so eintreten wird, wird sich zeigen. Die erste Wirkungsstufe, die auf die Finanzierungskosten der Euroländer abzielt, ist jedenfalls recht schnell und deutlich zur Entfaltung gekommen. Die Rendite der innerhalb der Eurozone als Referenz geltenden zehnjährigen deutschen Staatsanleihe ist seit dem Start des QE-Programms am 9. März von 0.31 Prozent auf 0.07 Prozent gefallen.

Auch der Renditeaufschlag, den zum Beispiel in Italien Anlegern im Vergleich zur deutschen Staatsanleihe bieten muss, verhielt sich zunächst wie erhofft: Am 13. März fiel er auf sein bisheriges historisches Minimum von 0.88 Prozent. Die Rendite der zehnjährigen italienischen Staatsanleihe lag also um weniger als ein Prozent über der deutschen Staatsanleihe.

Seitdem ist der Renditeaufschlag zwar wieder auf knapp 1.4 Prozent gestiegen. Dies ist allerdings nicht der EZB oder Italien anzulasten, sondern eher auf die gestiegene Risikoaversion unter den Anlegern im Zuge der Diskussionen um Griechenland zurückzuführen. Soweit läuft aus EZB-Sicht also alles nach Plan.

Zielerreichung unklar

Weniger klar ist bisher, ob die gewünschten Auswirkungen sich auch auf die nächsten Ebenen übertragen werden, ob also die Banken der Eurozone ihre niedrigeren Finanzierungskosten an die Unternehmen weitergeben und ob dies der Konjunktur in der Eurozone auf die Sprünge helfen wird. Denn dies gehört ja zu den eigentlichen Zielen der EZB.

Weniger klar sind auch die weiteren Auswirkungen der aktuellen Geldpolitik. So ist zum Beispiel nicht unwahrscheinlich, dass die EURIBOR-Zinssätze auch für die Laufzeiten von mehr als drei Monaten in den negativen Bereich rutschen werden – mit dem Effekt, dass auch sehr risikoaverse Anleger dazu verleitet werden, entweder längere Laufzeiten in ihrem Anleiheportfolio zu akzeptieren oder in risikoreichere Anlageklassen auszuweichen.

Wer die Zeche zahlt

Problematisch dürften die negativen Renditen vor allem für solche Anleger werden, die aus verschiedenen Gründen einen gewissen Prozentsatz an kurzlaufenden Anlagen halten und gleichzeitig vom Regulator vorgegebene Qualitätskriterien erfüllen müssen, wie zum Beispiel Lebensversicherungen. Denn in den Lebensversicherungspolicen haben die Gesellschaften ihren Kunden einen Garantiezins versprochen, der bei Vertragsabschluss, also bis zu 30 Jahre in der Vergangenheit, marktkonform war. Dieser ist auf den aktuellen Renditeniveaus natürlich nicht mehr zu erreichen und dürfte die eine oder andere Gesellschaft noch in Bedrängnis bringen.

Ähnlich geht es Rentenversicherungen und Pensionskassen, die schon aufgrund der Struktur ihrer Zahlungsverpflichtungen einen gewissen Prozentsatz an kurzfristigen und schwankungsarmen Anlagen halten müssen. So errechnete Martin Eling, Professor für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen, unlängst, dass die betriebliche Altervorsorge in der Schweiz, auch bekannt als 2. Säule, im Jahr 2030 insgesamt eine Unterfinanzierung in Höhe von 55 Milliarden Franken aufweisen wird, wenn die Leistungen und/oder Beiträge nicht angepasst werden.

Dass die niedrigen bis negativen Zinsen derzeit immer mehr Anleger dazu verleiten, ein höheres Mass an Anlagerisiko zu akzeptieren, lässt sich an den europäischen Aktienmärkten ablesen. Die Referenz-Aktienindizes der Eurozone haben seit Jahresbeginn durchweg um rund 20 Prozent zugelegt, einzig der spanische IBEX fällt mit einem Plus von rund 12 Prozent negativ aus dem Rahmen.

Solange die EZB dafür sorgt, dass sich das Karussell weiterdreht, werden auch die verschiedenen Anlageklassen davon profitieren. Zwei Fragen bleiben dabei (noch) unbeantwortet im Raum stehen: Wie hoch werden die langfristigen Kosten sein? (Wer sie tragen wird, ist leichter zu beantworten. Dazu genügt ein Blick in den Spiegel.) Und: Was passiert auf den Finanzmärkten, wenn die Musik aufhört zu spielen und die EZB den Geldhahn zudreht?

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Es gibt 2 Kommentare zu diesem Artikel
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