Zum neuen Jahr: Wieso sich nicht (einmal) neue Fragen stellen? 

Prognosen über die Entwicklung der Märkte und der Wirtschaft gehören zu jedem Jahresanfang wie das Wiener Neujahrskonzert oder das Feuerwerk über der Oper in Sydney. Es ist auch fast schon ein Ritual geworden, Fragen wie diese zu stellen und zu beantworten: «Wird es ein gutes oder schlechtes Jahr für die Börse?», «Wird Gold zulegen?», «Welche Anlageklasse soll man im Portfolio erhöhen, welche reduzieren?», «Wie werden sich die Zinsen entwickeln?» etc. Wie bei jedem Ritual finden sich auch bei diesem blinde Anhänger, Skeptiker, die manchmal aber doch der «Prognose»-Versuchung erliegen, es gibt jene, die mit Prognosen Geld verdienen, Agnostiker, die das Ganze als ein sinnloses Theater betrachten und sagen «Ich weiss es nicht», etc.

Wenn also so manche Finanz-Akteure anlässlich des Jahresbeginns viel Zeit und Energie darauf verwenden wie ein Orakel Fragen über die Zukunft zu beantworten, warum sollte man sich dann nicht grundlegenderen Fragen widmen? Das wären Fragen, welche die Architektur des Finanzsystems kritisch hinterfragen und seine jetzige Struktur nicht für alle Zeit als gegeben annehmen. Ein paar Beispiele hierfür:

1) Zum Thema Aktienmärkte:

Heute kann jeder jederzeit Aktien kaufen oder verkaufen: Ist diese Unbeschränktheit im Sinne der Akteure und der Zeit das einzige denkbare Modell für die Aktienmärkte? Wenn man über mögliche Einschränkungen nachzudenken beginnt, sieht man, dass das aktuelle System einfach ist – aber das heisst noch nicht, dass es das Beste ist. Schauen wir zum Beispiel bei den Akteuren genauer hin: Wieso darf jedermann Geld in Aktien investieren? Nicht jeder ist ein Finanzexperte oder arbeitet als professioneller Geldanleger. Anwälte oder Ärzte müssen nach dem Studium noch eine zusätzliche Prüfung ablegen, bevor sie ihren Beruf selbständig ausführen können – wäre das für professionelle Investoren vielleicht auch sinnvoll?

Oder hinterfragen wir die Handelszeiten: Firmen veröffentlichen Ergebnisse quartalsweise. Wäre es da nicht vielleicht sinnvoll, Titel nur dann zu handeln, wenn die Ergebnisse bekannt sind? Wenn alle Firmen in einem engen Zeitfenster ihre Ergebnisse veröffentlichen, könnte man in den nachfolgenden zwei oder drei Wochen Käufe oder Verkäufe zulassen und danach den Handel bis zum nächsten Quartal suspendieren. Zugegeben, es kann jeden Tag neue Informationen geben, welche die Wirtschaftslage eines kotierten Unternehmens beeinflussen können; aber wieso soll man sofort auf einen möglichen Einfluss reagieren? Wieso soll man nicht warten, um zu sehen, ob und wie sich die Informationen auf die Ergebnisse wirklich auswirken?

2) Zum Thema Geldschöpfung

Das aktuelle System ermöglicht Banken die Geldschöpfung, indem sie das Geld ihren Kunden auf einem Girokonto gutschreiben. Dazu müssen Sie das entsprechende Volumen nicht als Reserven hinterlegt haben. Ist das ein nachhaltiges Modell? In den 1930er Jahren waren einige Ökonomen – unter anderen Irving Fisher – der Meinung, dass diese Art Geldvermehrung durch die Banken ein Faktor sei, der wesentlich zur Instabilität des Finanzsystems beitrage. Eine Alternative wäre, nur Geld in Zirkulation zu haben, welches von der Zentralbank geschöpft wird. Nach der letzten Kreditkrise scheint diese Fragestellung eine Renaissance zu erleben. Forscher des internationalen Währungsfonds (IWF) haben einen wissenschaftlichen Beitrag dazu verfasst und in der Schweiz wird im Frühjahr 2014 eine Volksinitiative dazu lanciert. Thematisch passend ist auch die Frage nach dem wirtschaftlichen Nutzen eines Zahlungsmittels wie Bitcoin, einer Form von virtuellem Geld, das ausserhalb des Zentralbanksystems geschöpft wird.

Beschäftigt man sich zu Beginn eines Jahres mit solchen Fragen, ist die Freude am Ende grösser als wenn man sich mit Fragestellungen zu schwierigen Prognosen quält. Die Antworten zu den letzten hat man schnell vergessen, während auch nur kleine Fortschritte in der Beantwortung der ersten über Jahrzehnte bleiben werden.

Leselinks:
Der Blicklog beschäftigt sich mit der Frage, warum ökonomische Prognosen «Anekdoten» sind (30. Dez. 2013)

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  1. Pingback: Kleine Presseschau vom 10. Januar 2014 | Die Börsenblogger

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